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Ein Blick hinter die Kulissen: Kathrin Bürklin im Interview

Ein Blick hinter die Kulissen: In einer Interviewreihe möchten wir Mitarbeitende der Erlacher Höhe zu unterschiedlichen Themen erzählen lassen. Diese Woche haben wir uns mit Kathrin Bürklin unterhalten, die auf der Hellen Platte Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Schwierigkeiten betreut und begleitet.
Lächelnde junge Frau mit langen, welligen Haaren, die einen braunen Zopfstrickpullover trägt und seitlich in die Kamera blickt.

Liebe Frau Bürklin,
seit Juli 2020 arbeiten Sie als Sozialarbeiterin auf der Hellen Platte. Zuvor haben Sie Klinische Sozialarbeit studiert. Wie war für Sie der Einstieg in die praktische Arbeit als Sozialarbeiterin während der Corona-Pandemie bei der Sozialtherapie Helle Platte?

Ehrlich gesagt war der Start recht herausfordernd. Die Corona-Pandemie führt bei uns in der Einrichtung dazu, dass teilweise jede Woche neu geplant werden muss. Zudem erfordert die Pandemie von uns, dass wir uns ständig auf dem Laufenden halten müssen was Kontakte, Besuche und Aktivitäten anbelangt. Es gilt auch auszuhalten, dass die Bewohnerinnen und Bewohner manche Einschränkung nicht verstehen und dies zu Spannungen führen kann. Da war es unsere Aufgabe, immer wieder zwischen den Bedürfnissen der von uns betreuten Menschen und den notwendigen Schutzvorkehrungen zu vermitteln. Ich denke aber, dass es mir teilweise leichter fiel, mich auf die vielen Wechsel während der Pandemie einzustellen. Denn anders als langjährige Mitarbeitende kenne ich die Einrichtung nur im „Corona-Modus“. Wenn man dagegen manches Vertraute erst aufgeben muss, ist das vermutlich schwieriger.

In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich mit dem Phänomen der Einsamkeit bei Menschen mit psychischen Erkrankungen beschäftigt. Was interessiert Sie besonders an diesem Thema?

Einsamkeit ist ein hochaktuelles Thema. Ob Senioren und Seniorinnen in Pflegeheimen, wohnungslose Menschen, Studierende, welche anstatt mit Mitstudierenden in der Uni daheim am Schreibtisch studieren: fast jeder hat dieses schmerzliche Gefühl des Getrenntseins von anderen Menschen - des Alleinseins - schon einmal erlebt. Auch hier in der Einrichtung höre ich von etwa jedem zweiten Klienten, dass Einsamkeit mit zur Sucht beigetragen hat. Umso motivierender finde ich es mich damit zu befassen, was ich denn konkret dazutun kann, um mit Menschen Wege aus der Einsamkeit heraus zu finden. Und da habe ich durch meine Forschungsarbeit und mein Literaturstudium zum Thema Einsamkeit viel Hilfreiches für die Praxis mitnehmen können.

Ihre Masterarbeit wurde mit einem Preis ausgezeichnet – herzlichen Glückwunsch! Welche Erkenntnisse waren es, die für die Jury ihre Arbeit ganz besonders wertvoll machte?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau – ich betrachte es als ein Geschenk. Schließlich waren noch etwa 25 andere sehr gute Arbeiten im Rennen. Die Jurys aus dem Fachbereichstag für Soziale Arbeit und dem Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit haben gesagt, dass meine Masterarbeit, in der ich sechs Experteninterviews mit klinischen Fachkräften geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet habe, sehr stringent und interessant zu lesen gewesen sei. Daneben ist Einsamkeit (gerade auch durch Covid-19) ein sehr aktuelles wie interessantes Thema. Es hat viele Facetten und sagt manches über unser Mensch-Sein aus. Etwa, dass wir Gemeinschafts- und Beziehungswesen sind, aber zum Beispiel auch, dass wir sehr unterschiedlich sind. Jede Person hat eine Art individuellen Tank für Gemeinschaft und einen für Alleinsein – der bei jeder und jedem eine andere Größe und Form besitzt. Die meisten Menschen brauchen beides – Zeit allein und mit anderen - nur in unterschiedlichem Füllmengen. Viel liegt zudem an unserer subjektiven Bewertung, also der Art und Weise, wie wir über einen Zustand in unserem Leben denken. Das negative Gefühl von Einsamkeit mit dem ich mich befasst habe (es gibt auch eine als positiv empfundene Einsamkeit), entsteht nämlich erst, wenn ich die Beziehungen in meinem Leben in quantitativer oder qualitativer Weise als nicht zufriedenstellend bewerte. Und nicht zuletzt bin ich mit meinem Thema auf eine Forschungslücke gestoßen – denn obwohl das Phänomen in sozialen Berufen sehr präsent und relevant ist, gibt es im deutschsprachigen Raum noch sehr wenig Forschung und wissenschaftliche Literatur dazu.

In welcher Form beeinflusst eine Krise wie die Corona-Pandemie die Einsamkeit bei Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Die Corona-Pandemie verschärft durch Kontakteinschränkungen sowie die Ausdünnung des öffentlichen Lebens die Isolation und damit potentiell die Einsamkeit von benachteiligten Menschen. Menschen mit psychischen Erkrankungen, die etwa ambulant betreut werden, können unter Umständen ihre Bezugsmitarbeitenden weniger häufig sehen, Gruppenangebote können nicht wie gewohnt stattfinden. Ich denke, sie treffen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgrund ihrer mangelnden Ressourcen (z.B. soziale Beziehungen, materielle Ressourcen) besonders hart. Auch für unsere Bewohnerinnen und Bewohner im stationären Bereich bedeuten die Einschränkungen natürlich mehr Verzicht und weniger Möglichkeiten, sich etwa Kontakte über eine Selbsthilfegruppe aufzubauen oder weniger Abwechslung in der Freizeit (z.B. keine Schwimmbadbesuche, Kegeln). Dennoch sind sie insofern besser betreut, da die Menschen in unserer Betreuung nicht alleine wohnen. Sie haben also jeden Tag ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner um sich und täglich sind Mitarbeitende vor Ort. Manche unserer Klienten fühlen sich außerdem nicht zuletzt durch die dezentrale Lage besser vor der Pandemie geschützt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Ich habe natürlich schon den ein oder anderen großen Wunsch für meine Zukunft – aber im Moment wünsche ich mir, erst einmal gut anzukommen. Ich wohne ja noch nicht lange in der Gegend und auch mir fallen die vielen Einschränkungen aufgrund der Pandemie schwer. Ansonsten wünsche ich mir oft mehr Zeit oder mehr im Hier und Jetzt zu leben und diesen Moment zu genießen. Das finde ich im Alltagstrubel häufig herausfordernd. Dabei sind es gerade diese kleinen Begegnungen mit Menschen, Zeit in der Natur, ein gutes Essen, ein ermutigendes Wort, die das Leben mit Sinn und Freude füllen. Und nicht zuletzt wünsche ich mir immer wieder Neues und Spannendes zu entdecken – im Alltag und Unterwegs.

Kathrin Bürklin arbeitet seit Juli 2020 in der Sozialtherapie auf der Hellen Platte und betreut und begleitet dort Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Schwierigkeiten. Zuvor hat sie Klinische Sozialarbeit studiert und im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zu Einsamkeit bei Menschen mit psychischen Erkrankungen geforscht.

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